Montag, 30. Januar 2017

Sagst, du kannst und du willst auch nicht mehr. Sagst das und kraulst dich mit den abgerundeten Fingerkuppen hinter den Ohren. Sagst, das Alles täte dir nicht gut. Und überhaupt! Ja, sage ich. Schlussstrich. Luftmatratze. Blasebalg. Kannst du pumpen und den Stecker ziehen. Luft ablassen. Du sitzt und ich sehe dich kraulen und weinen und schweigen und schauen und fürchten.

Und nichts als die Welt dreht sich weiter. Dreht sich nicht um dich. Nichts und niemand dreht sich um dich. Auch wenn es laut ist nicht. Ich atme. Und das nicht nebenher wie sonst üblich sondern bewusst und deutlich, als solltest du nichts als mein Atmen hören. Hörst du mich!

Dass ich große Knochen habe, sage ich. Und du schaust und kraulst einfach weiter, als hätte ich nichts gesagt. Und ich stehe vor dir, kratze dir den Schorf von den Wunden, kratze und pule bis es blutet. Du sagst nichts. Nicht dazu und auch sonst. Zum Beispiel zum Drehen der Welt sagst du nichts.

Amygdala. Ist ein schönes Wort, sage ich. Hast du Angst? Vor schönen Worten vielleicht oder sonst vor den Dingen, wie sie sind und was sie anzurichten vermögen. Fürchtest du dich? Man sagt nicht umsonst, Hunde können deine Angst riechen. Und dass Stöcke im Unterholz die Angst vor Schlangen lostreten. Amygdala, wiederhole ich. Aber du sagst nichts außer, dass du nicht mehr willst und auch nicht kannst. Und die Angstanlage hast du abgeschaltet, nirgends schrillt Alarm.

Limbisch drehe ich mich ein, winde mich um deinen Balken, der zwischen deiner rechten und deiner linken Weltsicht steht. Säume deine Wahrnehmung,  am Balken wie ein Segel im Wind gespannt. Doch du sagst nichts. Vielleicht weil du jetzt weißt, dass sich nichts, nicht einmal die Welt um dich dreht. Drehdichein. Sage ich und gucke und bete dir die Fachtermini nicht am Rosenkranz aber doch schmerzverzerrt herunter.

Inzidenz. Prävalenz. Morbidität. Letalität von letum, letalis.

All das Wissen hübsch in Worte gepackt. Ich euphemisiere dir gern die Welt, die sich nicht um dich drehen möchte. Auch nicht, wenn du mit den Füßen auf den Boden stampfst. Auch dann nicht!

Mit den Händen halte ich meinen Mund, ihn nicht immer sprechen zu lassen. In all das Schweigen, das auszuhalten gelernt sein möchte, in all dieses Schweigen hinein halte ich meinen Mund mit den Händen. Du sitzt und ich sehe dich sitzen. Ausgesetzt habe ich dich. Hineingesetzt in diese Welt, zu diesen Menschen, die nicht deine Welt zu sein scheint, zu Menschen, die dir nicht ähnlich zu sein scheinen. Da sitzt du nun. Sitzt dich aus. Sage ich. Luftmatratze, Blasebalg.


Was fehlt dir denn, frage ich. Und du suchst mit deinen abgerundeten Fingerkuppen Halt zu finden. Lächerlich!  Mir fehlt es an Worten, mir fehlt es an Zahlen, mir fehlen Gedanken, Gefühle fehlen mir nicht. Mir fehlt ein Verständnis der Dinge, die ich da sage, halte ich mir nicht mit Händen den Mund zu. Mir fehlt eine Reizstärke, die ausreichend wäre, in mir auch einmal etwas loszutreten. Es fehlt mir an Menschen, die schwindelfrei meine Drehdicheinzeit aushalten. Es fehlen die Winde in den Segeln um weiter, um endlich vorwärts zu kommen. Es fehlt mir an Ruhe in der Welt, die sich nicht um mich, aber doch drehen möchte. Dreht.

Sonntag, 1. Januar 2017



Der Text ist für Drei, die ich mag und bei denen ich mich bedanken möchte

--
Ich höre sie. Von weitem schon klingen sie an mich heran. Dieses Heranklingen ist wie das erste Vogelzwitschern nach einem kalten, langen Winter. Es verspricht Frühling. Und während sie aus der Ferne so klingen, frage ich mich, inwieweit es sein kann, dass Frühling am ersten Januar ausbricht, frage ich mich, ob das Klingen ein Hirn- oder ein Ohr-, gar ein Gemütsgespinst sein kann. Ein Gespinst, welches bei mir eine Reaktionsverwirrung hervorruft. Ich glaube nicht an Frühlingsgezwitscher im Januar. Und doch. Sie zwitschern schon aus der Ferne an mich heran.

Diese drei Gestalten. Und ich wage die Legenden von der zwei-halbkreisigen Zahl drei nicht zu denken. Drei Geschwister, drei Wünsche, drei Haselnüsse, drei Rätsel, drei goldene Haare, die drei heiligen Könige und sogar an die Dreieinigkeit, denke ich nicht. Also denke ich an sieben, sieben ist meine Zahl: sieben Tage, die sieben Raben, die sieben Zwerge, auf Wolke sieben, das Buch mit sieben Siegeln. Ob eine Katze sieben oder neun Leben hat, darüber streiten Menschen. Nicht Katzen. Die sieben Todsünden. Siebenhäutig mein Kleid. 

Von weitem sind diese Drei an mich heran getreten. Haben Finger und Worte ausgestreckt, haben gelacht, gesprochen, geschwiegen, geschrien, getan als seien das nicht alles Dinge, die man einander erst mit Abstand probiert. So, wie ich es probieren würde. Mit und im Abstand zueinander. Sie haben sich mir so nah niedergelassen, wie kein Frühlingsvogel dem Januar freiwillig kommt. 

Ich in meiner geradlinig abgemessenen Weiträumigkeit, konnte nicht in meine Randgebiete finden. Ich blieb still und bewegungslos und habe die Finger und Worte machen lassen. Habe Abstand und Auswegmarkierungen einfach sein lassen. Vernachlässige sie. 

Am ersten Januar Frühlingsgezwitscher! Wer sagt, dass das nicht geht?

Ich denke darüber nicht länger nach. Denke nicht an den Klimawandel und ob das wirklich ein Dilemma oder nicht eher die Folge der Zeit sein kann. Menschgemacht oder naturgemäß. Ich denke nicht unbedingt länger über drei oder sieben oder die gemeinsamen Nenner des Ganzen nach. Ich beschaue die Weiträumigkeit ohne gleichzeitig den Abstand zu wahren und lausche dem inzwischen vertrauten Heranklingen. Von weitem schon.

Ich höre euch zwitschern.